Kopf im Sand – oder der gesunde Abstand

Es ist noch früh am Morgen. Gerade erst geht die Sonne auf. Als orangefarbener Ball schiebt sie sich am Horizont nach oben, tastet mit ihren Strahlen über die ausgetrockneten Felder links und rechts der Straße, bringt den Asphalt vor mir zum Leuchten und küsst mich durch die Windschutzscheibe hindurch mitten auf die Nase. Ich freue mich über ihren warmen Morgengruß und langsam kullern mir zwei Freudentränchen die Wangen hinunter, kitzeln mich im Vorbeilaufen am Hals und versickern so still und leise, wie sie gekommen sind, im Stoff meines Pullovers.

Inzwischen gelingt es mir, den Umweg, den ich aufgrund der Grenzschließung zu fahren habe, um in den Stall zu gelangen, als Geschenk zu betrachten. In der frühen Morgenstunde sind noch kaum Autos unterwegs und bis auf das leise und gleichmäßige Brummen des Motors meines kleinen Wagens, ist nichts zu hören. Während die Sonne langsam höher steigt und ihr Licht nun hell und strahlend über Wälder, Wiesen und schlafende Dörfer verteilt, atme ich die Stille, lasse meine Gedanken ziehen und bewundere die Schönheit der vorbeigleitenden Natur.

In weniger als einer halben Stunde werde ich das Unterwegssein mit meiner kleinen Stute Nelly genießen, die frische Morgenluft am See, das Zwitschern der Vögel und den blauen Himmel über uns. Ich werde später die Heimfahrt genießen, die Süße des mitgenommenen Apfels und die Vorfreude auf einen weiteren Tag in Haus und Garten. Ich freue mich darauf, den neuen Gemeindebrief endlich fertigstellen zu können, ein feines Mittagessen zu kochen und am späten Nachmittag, nachdem der Rasen gemäht und alle Pflänzchen im Beet gegossen sind, auf der Terrasse zu sitzen, die Füße hochzulegen und meine Tagesration an Süßigkeiten zu vernaschen. Ich freue mich auf das Leuten der Kirchenglocken um 19 Uhr, den Sonnenuntergang über dem Fluss, die einsetzende Dämmerung und auf meine Meditationszeit am Abend, wenn es draußen dunkel ist, die Grillen zirpen und außer diesem beruhigenden Konzert und einem gelegentlichen Schnattern der Enten nichts mehr zu hören ist. Wie ist es still geworden in unserer Welt! Endlich …

Ja, es ist Corona-Krisen-Zeit. Die Welt ist völlig aus den Fugen und ich beobachte sie aus weiter Ferne bei ihrem seltsamen Spiel. Ich müsste mir eigentlich Sorgen machen. Ich müsste Angst haben vor einem gefährlichen Virus und vor den Auswirkungen, die sein plötzliches Auftauchen verursacht. Ich sollte doch eigentlich die Meldungen hören und lesen, von denen die Menschheit täglich überschwemmt wird, um auf dem Laufenden zu bleiben, mitreden und mir eine Meinung bilden zu können. Ich müsste unbedingt endlich mehr Mit-Leid zeigen: Der böse Virus, die armen Menschen, die daran erkranken oder erkranken könnten, die inkompetente Regierung, die aus fehlgeleitetem Verantwortungsbewusstsein und aus der eigenen Angst heraus unsere Freiheit in völlig unverhältnismäßigem Ausmaß einschränkt, die die Wirtschaft vor die Wand fährt, die Nachbarn gegeneinander aufhetzt, der Jugend den Glauben an eine verlässliche Welt nun endgültig nimmt. Allen Menschen, die nicht schon wirklich total verdummt sind aufzeigt, wie schnell und einfach uns Willkür und Diktatur überzustülpen sind.   

Aus dem Augenwinkel sehe ich ein krankgewordenes System, das gerade dabei ist, sich selbst zu zerstören. Der poplige kleine Virus ist nur der Auslöser für etwas, das sich längst angekündigt hat. Ja, die Zerstörung ist schmerzhaft und verursacht Traurigkeit und Verzweiflung auf allen Ebenen. Aber nur aus der Zerstörung wird anscheinend auch in diesem Fall etwas Neues entstehen zu können.

Ohje. Und was mache ich nun mit all dem? Verzweifeln? Mich aufregen, ängstigen oder auch nur ärgern? Ich gebe zu, letzteres passiert mir hin und wieder. Aber ansonsten: Ich genieße das Leben. Noch viel mehr und noch viel bewusster als sonst schon. Ich freue mich an der Schönheit unserer wunderbaren Natur, an der wohltuenden Stille. Ich freue mich, dass wir genug zu essen haben, ein Dach über dem Kopf, ein weiches Bett für die Nacht. Ich freue mich über Pferd und Katze, über unser schönes Haus, den Garten am Ufer des Rheins. Meine Arbeiten, die mich erfüllen, die Menschen, mit denen ich – Abstandhalten hin oder her – auf gute und liebevolle Weise verbunden bin. Ich freue mich über die zu jeder Zeit spürbare Gegenwart Gottes und bin dankbar, dass es mir gelingt, mir meines spirituellen Weges bewusst zu bleiben und ihn freudig und voller Neugierde weiterzugehen. Ja, ich nutze  die Zeit, um mir selbst noch näher und meiner Lebensaufgabe noch besser auf die Spur zu kommen. Diese verrückte Zeit bringt mich erfreulicher Weise dazu, meine innere Arbeit noch intensiver zu betreiben.

Ja, die kann schon reden, könnte man meinen. Sitzt in einem großen Haus an einem schönen Ort, ist gut versorgt, jung und gesund, hat den ganzen Tag Zeit zu meditieren - und steckt dabei einfach den Kopf in den Sand.

Nein. Das heißt, ja, sagen oder denken könnte man das schon. Aber ich mache etwas anderes. Ich lade mich positiv auf und bringe auf diese Weise ein Stückchen mehr gute Energie in die Welt. Und vor allem: Ich weigere mich, dieser ganzen belastenden Problematik auch nur ein Fünkchen mehr von meiner Aufmerksamkeit zu schenken, als unbedingt nötig. Dass unsere Energie der Aufmerksamkeit folgt und alles, was Energie erhält, wächst, ist längst kein esoterisches Gerede mehr, sondern eine wissenschaftlich nachgewiesene Tatsache. Ich selbst brauche keinen wissenschaftlichen Nachweis, um an die Zusammenhänge zu glauben und sie in meinem täglichen Leben so gut ich es vermag, umzusetzen.

Für den einzelnen Menschen, der um die Macht der Gedanken und um die Wichtigkeit ihrer heilenden Kraft weiß, ist es keine ganz leichte Herausforderung, in unserer Gesellschaft zu diesem Wissen zu stehen und danach zu handeln und zu leben. Wie wichtig sind aber gerade in dieser Zeit Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf das Gute richten. Die das Positive in der Welt stärken, die mutig den eigenen Weg gehen und an eine heilbare und geheilte Zukunft glauben. Die den Kopf eben nicht in den Sand stecken, sondern aus einem gesunden Abstand heraus beobachten, was vor sich geht und sich dann bewußt dafür entscheiden, sich nicht von der Angst anstecken zu lassen, sondern sich von Liebe und Vertrauen leiten zu lassen.

In diesem Sinne soll der Einstieg in diesen Blog dazu ermuntern, unsere Aufmerksamkeit bewusst und mit einem guten Gefühl auf das zu lenken, was gut läuft in unserem Leben und in unserer Welt. Und wenn sie noch so klein sind, die Dinge, die uns glücklich machen …

Von Herzen

Meggi Weiss


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